Isa Lohmann-Siems Stiftung

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Projekt 2026/27

Prestige - TEILPROJEKTE -

Interpretation und (Selbst)Inszenierung. Pierre Boulez, »Le temps musical« und das Prestige des Institut de Recherche et Coordination Acoustique/Musique (IRCAM)

Jimmy Fauth

Pierre Boulez (1925–2016) gehörte zu den prominentesten Vertretern des französischen Musiklebens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nicht nur als Komponist und Theoretiker genoss er hohes Ansehen in Kreisen der sog. seriellen Musik, sondern er erwarb sich auch als Dirigent internationale Anerkennung. Zudem hatte Boulez ab 1976 im prestigeträchtigen Collège de France eine Professur zur »Erfindung, Technik und Sprache in der Musik« (frz. Invention, technique et langage en musique) inne. Im Auftrag des Präsidenten Georges Pompidou kam dazu die Gründung und Leitung einer staatlich finanzierten Forschungseinrichtung für Komposition, Akustik und Musikinformatik, die dem Centre Pompidou angegliedert sein sollte: des Institut de Recherche et Coordination Acoustique/Musique (IRCAM). Dieses wurde 1977 als reines Forschungszentrum eröffnet, nahm jedoch bald auch einen Konzertbetrieb auf. Vom 17. bis zum 23. Februar 1978 fand unter dem Titel »Le temps musical« eine Reihe von Gesprächskonzerten mit dem Ensemble Intercontemporain statt. Den Abschluss bildete eine Podiumsdiskussion mit Boulez, Mitgliedern des IRCAM sowie den Philosophen Roland Barthes, Gilles Deleuze und Michel Foucault. Boulez beleuchtete anhand von Analysen ausgewählter Werke fünf Aspekte der musikalischen Zeit. Diese Analysen sind jedoch nicht nur als rein deskriptive Ansätze zu betrachten, sondern auch als Versuche, ein normatives Narrativ zu etablieren. Werkanalyse hatte im 20. Jahrhundert eine besondere Relevanz für Komponist:innen, da sie dadurch die Rezeption ihrer eigenen Werke steuern und ihnen Legitimation verleihen konnten. In Analysen von Werken anderer wird zudem oft die Absicht verfolgt, die eigene Expertise zur Geltung zu bringen, und somit ein bestimmtes kompositorisches, musikhistorisches und -ästhetisches Modell zu etablieren, worin sich das eigene Œuvre einordnen lässt. Viele solcher Analysen sind daher Diskurse, die dazu beitragen, ihren Autor:innen Prestige zu verleihen. Die Mitschnitte der Reihe sollen im Hinblick auf Wertzuschreibung und Konstruktion der Legitimität, beide wesentliche Bestandteile des Prestigephänomens, untersucht werden. Ermittelt werden soll also, wie Boulez durch »Le temps musical« Prestige für sich und das IRCAM zu erlangen versuchte – und inwiefern dabei vorhandenes Renommee gezielt eingesetzt wurde, um Geltung zu markieren. Welche Rolle spielte Boulez dabei als Interpret und welche als Inszenator?

Prestige zwischen zwei Buchdeckeln. Die Geschlechterbücher von Patrizierfamilien und die visuelle Produktion sozialer Differenz im nachreformatorischen Nürnberg

Anna Kajsa Hill

Geschlechterbücher, auch als Haus- oder Familienbücher bezeichnet, waren vornehmlich im 16. und 17. Jahrhundert zentrale Medien sozialer Distinktion der reichsstädtischen Eliten im mittel- und süddeutschen Raum. In diesen Handschriften wurden die Geschichte und Genealogie einer Familie dokumentiert sowie an die vorbildhaften Verdienste der Vorfahren erinnert und dadurch ebenso ein Anrecht auf die Teilhabe an Herrschaft formuliert. Um die Kontinuität und Qualität einer Blutslinie besonders wirksam inszenieren zu können, wurden diese Codices oftmals kostbar illustriert und mit Stammbäumen, Porträts der Ahnen oder Ansichten von Ländereien sowie Stiftungen versehen. Diese Werke richteten sich sowohl identitätsstiftend an die Familienöffentlichkeit als auch Status konstituierend an die reichsstädtische Elite. Eine solche Distinktionskultur konnte nicht nur die Eintracht eines Geschlechts stärken und den Anspruch formulieren, als ratsfähige Familie die Geschicke der Stadt mitzubestimmen und so zum Stadtadel zu zählen, sondern es sind ebenso Versuche zu erkennen, sich einerseits dem Landadel anzunähern und sich andererseits von aufstrebenden Kaufmannsfamilien zu distanzieren.
Besonders für die Reichsstadt Nürnberg ist eine außerordentlich intensive und sehr kunstvolle Produktion solcher Geschlechterbücher nachzuweisen, die meist von den Familienältesten verantwortet wurde. Die Patrizierfamilien strebten vor allem danach, die Anciennität, vornehme Abkunft und Auserwähltheit ihres Geschlechtes zu veranschaulichen. Zwischen diesen Buchdeckeln wird also, so die These, familiäres und ständisches Prestige verdichtet. Doch was verleiht einem Geschlechterbuch schlussendlich Prestige? Sind es die Personen mit ihren vorbildhaften Taten oder ist es die ästhetische Produktion solcher Handschriften, die wiederum den Personen Ansehen verleiht? Die kunsthistorische Studie möchte allen voran die Funktion der Bilder für die Produktion von Prestige im Medium Geschlechterbuch erforschen: Welche Personen, Taten oder Geschichtskonstruktionen werden tatsächlich zu Bildern? Und wann wird Prestige nicht nur schriftlich artikuliert, sondern visualisiert und dadurch vielleicht auch materialisiert?
Als Träger der Kommunikation von Prestige kommt aber auch dem Buch eine zentrale Rolle zu: Das durch Schrift und Bild konstruierte Prestige befindet sich stets zwischen zwei Buchdeckeln und bleibt damit verschlossen, bis eine Person das Werk öffnet, darin liest oder die Bilder betrachtet. In welchen Kontexten ließ sich dieses Prestige erfahren und welche Formen der Zirkulation oder Präsentation waren dabei besonders wirksam? Sollte das Prestige letztendlich nur den einzelnen Geschlechtern dienen oder sollte daraus in der Gesamtheit ebenso ein reichsstädtisches Prestige entstehen?

»Hail the Dark Lioness«. Prestige als selbstermächtigender Zauber in Zanele Muholis Somnyama Ngonyama

Dana Zacharias

»Hail the Dark Lioness« – so übersetzt Zanele Muholi (*1972) den Titel einer seit 2012 fortlaufenden Serie von fast 200 fotografischen Selbstporträts, die 2018 und 2024 in bisher zwei Bänden erschienen sind. In Somnyama Ngonyama zeigt sich Muholi in kontrastreichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen und stattet sich mit verschiedenen alltäglichen oder aufgefundenen Objekten und Materialien aus.
Durch den ernsten, direkten Blick fixiert Muholi die Betrachter:innen und scheint ebenjenen Ausdruck von Ehrerbietung einzufordern, der im Titel der Fotoserie bereits vorweggenommen ist. Die würdevolle, nahezu herrschaftliche Erhabenheit in Muholis Selbstinszenierung lädt die fingierten Kopfbedeckungen und Kostüme mit Prestige auf, die als Kontaktaufnahme zu traditionellen afrikanischen Attributen gelesen werden können. Doch bei erneutem Betrachten wird der klaffende Gegensatz zwischen Requisiten und Inszenierung deutlich. Es handelt sich um billiges Material der Moderne: Stahlwolle, Duttkissen, Klebeband, Latexhandschuhe, Waschmaschinenschläuche. In dieser Diskrepanz werden Kategorien von Prestigezuweisung destabilisiert und unterlaufen.
Die vielschichtige Lesbarkeit von Muholis Ausstattung eröffnet einen Projektionsraum, in dem die tradierten Vorstellungen westlicher Betrachter:innen im Rahmen einer visuellen Selbstermächtigung verhandelt werden. Anhand der Symbolik und Semantik der Objekte offenbaren sich in den Selbstporträts sowohl persönliche als auch kollektive Hoffnungen und Traumata. Auf globaler und nationaler Ebene führen die Spuren der Requisiten zur Kolonialgeschichte, Apartheid Südafrikas und ihren heute noch spürbaren Folgen. Die Attribute verhandeln rassistische Stereotype und rekurrieren unter anderem auf die spezifisch Schwarz besetzte Arbeit im häuslichen Bereich, zu der Muholi durch die Geschichte der eigenen Mutter einen persönlichen Bezug aufbaut. Die Spannungen und Widersprüche der ambivalenten Zuschreibungen an die Selbstporträts werden durch Muholis Blick unmittelbar auf die Betrachter:innen zurückgeworfen: Welche Annahmen erscheinen hier angemessen? Welche Assoziationen entlarven sich als Produkt eines bis heute fortdauernden, eurozentrischen, nicht vollends dekolonisierten Blicks?
Der Prestigebegriff soll als Werkzeug dienen, Muholis Arbeiten hinsichtlich der ihnen eingeschriebenen Konflikte sowie ihres ermächtigenden Potenzials zu befragen. Zum einen kann Prestige hier – in Anlehnung an die Etymologie des Begriffs – als Blendwerk theoretisiert werden, hinter dem der Schmerz struktureller Unterdrückung hervorkommt. Zum anderen erscheint es in Muholis entschiedener Haltung als ein Zauber, der eine autonome und faire Selbstrepräsentation erst denkbar und möglich macht.