Prestige ist »Ansehenssache« (Christiansen/Thaler 2012) – und zwar im zweifachen Sinn: Einerseits bedeutet es, dass eine Person, eine Gruppe, eine Institution oder eine Sache Ansehen verliehen bekommt. Aber was unter Prestige verstanden wird, wer Prestige besitzen oder behalten darf, wer es verleihen oder entziehen kann, wird andererseits durch die Sichtweisen anderer Akteur:innen bestimmt. Prestige ist demnach keine wesensimmanente Qualität, sondern entsteht durch soziokulturelle Zuschreibung, die stets aufs Neue verhandelt werden kann.
Als Ausdruck von Fremdwert zählt Prestige zu den Individualbedürfnissen eines Menschen und stellt daher oftmals einen zentralen Antrieb dar, Ämter oder Positionen zu übernehmen, materielle Güter zu erwerben, Stiftungen zu veranlassen, Innovationen zu schaffen oder Netzwerke aufzubauen. Da Prestige zudem bei der Legitimation von Privilegien, besonders bei der Übernahme von Macht, zu einem Argument werden kann, verwundert es kaum, dass das Streben nach Ansehen oftmals in einen Wettbewerb mündet. Für das Streben nach oder das Konkurrieren um Prestige ist hierbei entscheidend, ob eine Person es bereits durch ihre Herkunft besitzt oder es sich erst verdienen muss. Außerdem ist zu vermuten, dass manche Persönlichkeitsmerkmale wie Vorbildlichkeit oder Charisma besonders förderlich für den Erwerb von Prestige sein können. Welche Einblicke in den Wertekanon oder Verhaltenscodex einer Gesellschaft oder Kultur erlauben Diskurse um Prestige? Durch welche Dinge und Praktiken kann Prestige Wirksamkeit entfalten oder kommuniziert sowie stabilisiert werden?
Da Prestige nicht als statisches Phänomen zu verstehen ist, unterliegt es historischen Dynamiken. So kann ein Wechsel von Machtverhältnissen oder eine historische Zäsur normative Leitbilder oder Praktiken sozialen Handelns verändern; die Nutzbarkeit materieller Ressourcen wandelt sich durch technische Innovationen, aber auch durch die Endlichkeit von Rohstoffen; Kriterien und Zählmechanismen von Prestige verschieben sich etwa auch mit der digitalen Transformation. Besonders die digitale Produktion von Prestige und dessen virtuelle Kommunikation werden hierbei noch zu selten beachtet, obwohl sie mittlerweile zentrale Räume von Statusdefinition darstellen. Welche Kontinuitäten und Transformationen von Prestige lassen sich aus historischer Sicht verzeichnen, und welche Kriterien erweisen sich als stabil oder instabil für die Definition von Status?
Bei der Untersuchung der historischen Dynamiken von Prestige ist außerdem festzustellen, dass vielfach Geschichtskonstruktionen bedient werden oder solche selbst konstitutiv für die Konstruktion von Ansehen sind. Doch wann kann Traditionsverbundenheit zweckdienlich sein, um Prestige zu erhalten und wann wird Modernität zur Ressource oder ein Fortschrittsnarrativ markiert? Inwiefern beruht Prestige auch auf substanzieller Qualität – und inwiefern nur auf ihrer historischen Konstruktion?
Diese Frage nach dem konstruierten Charakter von Prestige scheint ebenso in der Etymologie des Wortes auf. In der deutschen Sprache setzte sich seine heutige Bedeutung erst im Laufe des 19. Jahrhunderts durch. Das französische prestige und das spätlateinische praestigium besaßen zunächst eine andere Bedeutung: Blendwerk, Zauber.
Ein solcher Zauber kann auch Objekte aufladen, in denen sich Prestige zu materialisieren scheint. Dabei ist zu beobachten, dass der ökonomische Wert eines Objekts meist mit dem Werturteil seiner Betrachter:innen und Konsument:innen korreliert: Exklusivität wird mit Qualität assoziiert. In einem solchen Sinne erscheint Prestige einerseits als eine oberflächliche Kategorie, die substanzielle Ordnungskategorien unterläuft. Andererseits lassen sich darin auch ästhetische Dynamiken von Prestige erkennen, die noch nicht ausreichend erfasst worden sind – eine Leerstelle, die dieses Projekt zu schließen anstrebt. Wodurch zeichnet sich Prestige als ästhetisches Phänomen aus? Ist es manchen Ästhetiken oder Medien inhärent? Inwiefern schwächt der Zauber von Prestige das kritische Denken, die Sinne oder Sichtweisen?
In diesem Projekt verstehen wir Diskurse um Prestige demnach nicht ausschließlich als ein soziales Phänomen, sondern möchten diese ebenso in kulturellen, wirtschaftlichen, historischen, politischen, ästhetischen und digitalen Dimensionen erforschen. Es soll ermittelt werden, wie Dinge und Praktiken Prestige konstruieren und welche Rolle der ästhetischen Produktion in diesen Prozessen zukommt. Außerdem ist zu fragen, inwiefern Prestige gezielt genutzt werden kann, um Distinktion zu markieren und die mit Ansehen verbundenen Privilegien durchzusetzen.
anna.kajsa.hill@uni-hamburg.de
Forschungsprojekt »Prestige«
der Isa Lohmann-Siems Stiftung 2026/2027
c/o Kunstgeschichtliches Seminar / Institut für Historische Musikwissenschaft
Universität Hamburg
Edmund-Siemers-Allee 1
20146 Hamburg
Datum 05.–06. Februar 2027
Warburg-Haus,
Heilwigstraße 116,
20249 Hamburg
| Tagungsflyer | (folgt)
Jimmy Fauth
Interpretation und (Selbst)Inszenierung. Pierre Boulez, »Le temps musical« und das Prestige des Institut de Recherche et Coordination Acoustique/Musique (IRCAM)
Anna Kajsa Hill
Prestige zwischen zwei Buchdeckeln. Die Geschlechterbücher von Patrizierfamilien und die visuelle Produktion sozialer Differenz im nachreformatorischen Nürnberg
Dana Zacharias
»Hail the Dark Lioness«. Prestige als selbstermächtigender Zauber in Zanele Muholis Somnyama Ngonyama