PROJEKT 2023/24 - Paradoxien des Schützens – TEILPROJEKTE

»If it’s not online and available, it doesn’t exist!« Über diachrone Unzugänglichkeit und digitale Nachhaltigkeit im Kulturbereich

Samantha Lutz

Der Begriff der Nachhaltigkeit hat sich in den letzten 30 Jahren zu einem globalen Leitbegriff gesellschaftlichen Wandels entwickelt. Er ist eng mit Zukunftsfragen verbunden und berücksichtigt vor allem die von der Brundtland-Kommission geprägten ökologischen und ökonomischen Aspekte der Ressourcenschonung. Inzwischen bemüht sich u.a. die UNESCO, den Begriff der Nachhaltigkeit auch auf den Kulturbereich zu übertragen, ohne jedoch auszubuchstabieren, was das für die Kulturarbeit konkret bedeutet.

Eine große Rolle als zentrales Leitprinzip einer zukunftsorientierten und nachhaltigen Kulturpraxis spielt hier das Konzept des Open Knowledge, also das Versprechen einer verbesserten Zugänglichkeit und Verfügbarkeit von Kultur durch digitale Medien. Es dient als zugkräftiges Argument für die Digitalisierungsbemühungen von Erinnerungsinstitutionen wie Archiven und Museen. Denn Wissen scheint heute im Internet überall verfügbar, nur einen Klick entfernt, was im Umkehrschluss für den Kultursektor bedeutet: »If it’s not online and available, it doesn’t exist!« Die bisherigen Erhaltungspraktiken sind jedoch nicht ohne Weiteres auf das Digitale übertragbar. Die Digitalisierung stellt die europäische Erinnerungspraxis vor neue Herausforderungen und wirft Fragen auf, wie digitale Nachhaltigkeit praktisch umgesetzt werden kann.

Vor diesem Hintergrund ist gerade der Kultursektor mit vielfältigen Paradoxien konfrontiert, die es sowohl auf konzeptioneller Ebene als auch in der praktischen Kulturarbeit zu bearbeiten gilt: Einerseits kennt Kulturelles kein Gleichgewicht im ökologischen Sinne. Vielmehr unterliegt Kultur anderen Dynamiken und Prozessen und verhält sich sperrig gegenüber einer allzu einfachen Indienstnahme für nachhaltige Entwicklungen im ökologischen und ökonomischen Sinne.

Andererseits zeigen institutionelle Digitalisierungsprojekte eine zunehmende diachrone Unzugänglichkeit von Kulturerbe und werfen die Frage nach der langfristigen Offenheit und Zugänglichkeit von Kulturdaten auf. Während die Volldigitalisierung vorhandener Bestände angestrebt wird, stellen sich in der Kulturarbeit strukturelle, organisatorische und technische Herausforderungen und Probleme, wie diese digital gespeicherten Daten zukünftig diachron, d.h. im Sinne einer Langzeitarchivierung über den technologischen Wandel hinweg, als offene Kulturdaten auf lange Sicht verfügbar bleiben können.

Ausgehend von den vielschichtigen kulturtheoretischen und -praktischen Paradoxien im Kulturbereich untersucht das ILSS-Teilprojekt unter der Fragestellung der digitalen Nachhaltigkeit, wie Erinnerungsinstitutionen mit dem sozio-technologischen Wandel Schritt halten und ihre Offenheit unter digitalen Vorzeichen langfristig gewährleisten können. Schließlich stellt sich angesichts der rasanten technologischen Entwicklungen und des oft vermeintlich flüchtigen Charakters digitaler Kulturen die übergeordnete Frage, inwieweit die Digitalisierung Nachhaltigkeitsvorstellungen in Bezug auf die Erhaltung und Weitergabe kulturellen Erbes verändert oder den Schutzgedanken von (digitaler) Kultur gar ad absurdum führt.

 

Kontakt

ilss18@gmx.de

Forschungsprojekt »Paradoxien des Schützens«
der Isa Lohmann-Siems Stiftung 2023/24
c/o Kunstgeschichtliches Seminar/ Institut für Empirische Kulturwissenschaft
Universität Hamburg
Edmund-Siemers-Allee 1 ESA W (Westflügel)
20146 Hamburg