PROJEKT 2020/21 – (In)Stabilitäten – TEILPROJEKTE

»Formalisierte Entschädigung. Formulare als Stabilisatoren der nachkriegsdeutschen Finanzverwaltung 1948–1959«

Das nationalsozialistische Regime ist für Folter und Mord, darüber hinaus aber auch für die Enteignung von Millionen jüdischer Mitbürger*innen verantwortlich. Nach 1945 musste die deutsche Finanzverwaltung deshalb auf Anweisung der Alliierten entsprechende Formulare entwerfen, mit denen die Betroffenen oder ihre Rechtsvertreter1 und Nachkommen ihre Entschädigungsansprüche erheben und die Wiederherstellung von Vermögensverhältnissen einfordern konnten. Diese völlig neue Kategorie von Formularen fungierte dabei als eine Art Medium und bestimmte erneut die Kommunikation zwischen den Anspruchsberechtigten und der behördlichen Entscheidungsmacht. Damit wird die Doppeldeutigkeit dieser Verwaltungsartefakte sichtbar: Symbolisierten Formulare vor 1945 oft das (tödliche) Ende der Kommunikation zwischen Verfolgern und Verfolgten, materialisierte sich in ihnen nach Kriegsende der Beginn der Kommunikation zwischen ehemals Verfolgten (oder ihren Rechtsvertretern) und den Behörden und deren Mitarbeiter*innen, die oftmals dieselben waren wie unter dem nationalsozialistischen Regime.

Anhand des Entschädigungsverfahrens der Hamburgerin Elsa Saenger untersucht das Forschungsprojekt in einer historisch-ethnographischen Mikroanalyse die Gestaltung, den Gebrauch und die Wirkmacht von Verwaltungsformularen im Zeitraum 1948 bis 1959. Damit eröffnet die Studie eine Perspektive auf Formulare als mehrschichtige Artefakte und analysiert, inwiefern diese Dokumente als Stabilisatoren einer Entschädigungspraxis fungierten, für die es bis dato keine Vorbilder gab und die deshalb erst noch entwickelt werden musste.

Die Herstellung und der Gebrauch von Formularen versprachen politische Ordnung und inszenierten die graphischen Dokumente als Hoffnungsträger sowohl für die ehemals Verfolgten als auch die Verwaltungsseite. Auf der Basis bestimmter Kategorien sollten Formulare als die zentralen materiellen Bestandteile der Kommunikation innerhalb des Verwaltungsapparates zu planbaren, rationalen und standardisierten Arbeitsabläufen führen. Ziel des Projekts ist es zu zeigen, dass der Gebrauch der Formulare eine scheinbar stabile Entschädigungspraxis suggerierte, obwohl sie es zu diesem Zeitpunkt aufgrund fehlender Gesetzgebung und anderer für die Entscheidung relevanter Faktoren noch gar nicht sein konnte. So waren weder das Ausmaß der nationalsozialistischen Enteignungspolitik noch der Umfang der geltend zu machenden Entschädigungsansprüche bekannt. Inwiefern konstituierten die Formulare eine Interdependenz zwischen den unterschiedlichen Formularbenutzern und wiesen ihnen dabei ihre jeweiligen, Orientierung gebenden Rollen zu? Wie wirkten sich formale Gestaltungsweisen und ästhetische Konventionen auf die konkrete Formularbenutzung aus? Welche (In)Stabilitäten werden in den Gestaltungs-, Ausfüll-, Bearbeitungs- und Entscheidungsprozessen im Laufe des Entschädigungsverfahrens sichtbar?

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In dem untersuchten Entschädigungsverfahren handelt es sich bei den Formularbenutzern wie Rechtsvertretern, Testamentsvollstreckern und Behördenmitarbeitern ausschließlich um männliche Akteure. 

 

 

Kontakt

in-stabilitaet-ilss@web.de

Forschungsprojekt »(In)Stabilitäten«
der Isa Lohmann-Siems Stiftung 2019/20
c/o Kunstgeschichtliches Seminar
Universität Hamburg
Edmund-Siemers-Allee 1
20146 Hamburg