PROJEKT 2019/20 – Einverleibungen – TEILPROJEKTE

»Bilder essen? Einverleibte ›Schluckbildchen‹ und Schabefiguren«

Wie ein Mirakelbuch der Wallfahrt Maria Taferl in Niederösterreich aus dem Jahre 1748 ausführt, habe eine gewisse Maria Prunerin »aus Kleinmüthigkeit sich selbst entleiben [umbringen] wollen«. Allerdings soll sie »vor der That einen Theil von dem papierenen MARIA-Täferl=Bild, welches an ihre Bethstatt angepapet gewesen, herabgerissen, auch geschlucket [haben], mit den Worten: MARIA-Täferl verlaß mich nicht«, worauf sie trotz ihrer schweren Verletzungen am Leben blieb. Das Misslingen dieses Selbstmordversuches wird in dem vorliegenden Bericht auf die Einverleibung des kleinen Stückchens von dem Andachtsblatt zurückgeführt, das die gläubige Katholikin in ihrer Not von ihrem Bett abriss und hierauf verzehrte. Es handelt sich um ein bemerkenswertes Zeugnis für die in der Frühen Neuzeit verbreitete Praxis, gemalte oder gedruckte Darstellungen, die zumeist marianische Gnadenbilder zeigten, in prekären Momenten wie dem Geburtsvorgang, bei Krankheit oder nahendem Tod nicht nur auf das Körperäußere aufzulegen, sondern auch dem Inneren zuzuführen. Sogenannte »Schluckbildchen« wurden eigens zu diesem Zweck in größerer Anzahl auf Bögen zusammengestellt und als Massenware in Wallfahrtsorten an die Gläubigen abgegeben. Zu den Devotionalien, die als »medikamentöse« Heilmittel in einer »geistlichen« Hausapotheke nicht fehlen sollten, zählen überdies kleine Schabefiguren, von denen feine Späne abgerieben wurden, um sie hierauf in Wasser aufzulösen oder dem Essen beizumischen; auch erkrankte Tiere versuchte man durch diesen Bildgebrauch zu kurieren.

Das Forschungsprojekt beschäftigt sich in einer ersten kunsthistorischen Annäherung mit Bildern, die in akuten Krisen nicht nur betrachtet, sondern darüber hinausgehend auch materiell einverleibt wurden. Im Fokus steht die Konzeption von »Schluckbildchen« und Schabefiguren, die explizit zur durch den Mund und das Herunterschlucken vermittelten Aufnahme in das Leibesinnere angefertigt wurden. Untersucht werden soll, ob es formale Charakteristika gibt, die eine Gruppe von »Schluckbildchen« bzw. Schabefiguren auszeichnen? Inwiefern bedingte der aus heutiger Sicht ungewöhnlich erscheinende Gebrauch dieser Massenmedien nicht nur ihr Format, sondern auch ihre Gestaltung? Wie nahm das Dargestellte auf spezifische Krankheiten oder Organe Bezug, die es zu kurieren galt? Wie ist der Einsatz von Farbe zu bewerten? Im Hinblick auf die Frage, welche Aussagen sich ganz grundsätzlich über den Vorgang der Bildrezeption und -verdauung treffen lassen, gilt es zu überlegen, inwiefern insbesondere der Magen als Bildspeicher vorzustellen ist, dem Qualitäten zugesprochen wurden, die eine über das Auge vermittelte Wahrnehmung ergänzen bzw. möglicherweise auch verändern konnten. Besondere Aufmerksamkeit soll überdies der Frage nach synästhetischen Effekte beigemessen werden. Wie konnte ein als Therapeutikum verabreichtes Bild durch das Betasten mit der Zunge angeeignet werden? Inwiefern ist neben der Haptik auch der Geschmack von Bildern mitzudenken? Schließlich gilt es auszuloten, inwiefern durch die als »geistliche Nahrung« verabreichten Bilder Assoziationen mit bestimmten Gerüchen oder akustischen Reizen aufgerufen werden konnten, die als förderlich für den Heilungsprozess erachtet wurden.

 

 

Kontakt

Einverleibungen@gmail.com

Forschungsprojekt »Einverleibungen«
der Isa Lohmann-Siems Stiftung 2019/20
c/o Kunstgeschichtliches Seminar
Universität Hamburg
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20146 Hamburg