PROJEKT 2022/23

KörperZeiten. Narrative, Praktiken und Medien

Der menschliche Körper ist immer auch ein Ort von Zeitlichkeit: als biologische Tatsache, soziale Konstruktion und Erfahrungsmedium. Eigenzeitliche und epochale Körperwahrnehmungen und Körperbilder unterliegen dabei stetigen Veränderungsprozessen.

Der eigene Körper durchläuft bis zum Tod einen ständigen Wandel, der Ist-Zustand verändert sich permanent. Während äußere Veränderungen wie sichtbare Alterung durch Falten und graue Haare oder das Abheilen von Verletzungen zu Narben diese Prozesse offen legen, gibt es auch innere biologische Vorgänge, die dem Körper einen Rhythmus vorgeben: Der regelmäßige Pulsschlag, die sogenannte ›innere‹ Uhr, hormonelle Zyklen oder die Zellerneuerung als eigene Form körperlicher Taktung sind nur einige Beispiele. Wie werden diese zeitlich bedingten Abläufe im und am Körper als ihrem Austragungsort verhandelt?

Zeitliche Einflüsse auf den Körper lassen sich jedoch nicht nur im Biologischen festhalten. Alterungsprozesse und Körperwahrnehmungen sind stark gesellschaftlich geprägte, normierte und regulierte Vorgänge. So nehmen beispielsweise soziale Konstruktionen wie die Figur des Dandy oder der Femme fatale Einfluss auf Schönheitsideale und bringen (temporäre) Körperanpassungen durch Mode, Operationen oder regulierte Ernährungsweisen hervor. High Heels, Corsagen, Sport oder gezielte Inszenierungen (»Posing«) können den Körper zeitweise überformen und transformieren. Durch digitale Technologien wie etwa Schrittzähler, Pulsmesser und Gesundheits-Apps werden Optimierungsbestrebungen in medizinische Daten übersetzt, aufgezeichnet und gespeichert.

Neben technischen Abbildungen des Körpers treten in der Kunst und Populärkultur zeitliche Konzepte oftmals als menschliche Verkörperungen auf: Primavera, die junge Schöne, symbolisiert den Frühling, während Chronos als alter Mann mit Flügeln und Sense für die Zeit selbst steht. In Comics und Filmen erscheinen Mumien, Vampire und Zombies als Verlebendigungen von Toten und stellen so Konzepte einer linearen Zeitlichkeit in Frage.

Aktuelle und historische Körperverständnisse werden zudem zunehmend hinterfragt, herausgefordert und debattiert, wobei nicht nur Schönheitsideale, sondern auch sozio-kulturelle Narrative auf dem Prüfstand stehen. Inwieweit existieren also allgemeingültige Körpernormen, und wie sind diese zeitlich und kulturell bedingt? Wissenschaftliche Forschungen im Bereich der gender, queer, disability und post-colonial studies fordern die Befragung solcher Narrative. Diese Wissenschaftsfelder beschäftigen sich mit geschlechtsspezifischen, sexuellen und körpergebundenen Identitäten, dem Konzept von Behinderung und rassistisch geprägten Zuschreibungen innerhalb von Gesellschaft, Kultur und Politik in der Gegenwart, aber auch aus einer historischen Perspektive.

Hier setzt die Tagung »KörperZeiten« an und nähert sich den kulturellen und sozialen Formungen des menschlichen Körpers als zeitgebundenen Phänomenen: Welche körperlichen Prozesse und Praktiken unterliegen zeitlichen Parametern? Wie schreibt sich Zeit in Körper ein, und wie bestimmen zeitspezifische Ideale den Körper und Vorstellungen vom Körper? Wie wird das Verhältnis von Körper und Zeitlichkeit visualisiert? Welche Körperbilder werden erinnert und archiviert?

 

Termin der Tagung:

10./11. Februar 2023

Warburg-Haus,
Heilwigstraße 116,
20249 Hamburg

 

 

Teilprojekte:

Constanze Wallenstein

Fabian Röderer

Manuel Bolz

 

Kontakt:

koerperzeiten@gmail.com

Forschungsprojekt »KörperZeiten«
der Isa Lohmann-Siems Stiftung 2022/23
c/o Kunstgeschichtliches Seminar/ Institut für Empirische Kulturwissenschaft
Universität Hamburg
Edmund-Siemers-Allee 1   ESA W (Westflügel)
20146 Hamburg

 

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