PROJEKT 2020/21

(In)Stabilitäten

(In)Stabilitäten werden häufig als Tatsachen erlebt und aufgefasst. Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass mit diesen Begriffen Wahrnehmungen und Werturteile bezeichnet sind, die sich sowohl als kulturell konstruiert als auch historisch bedingt erweisen. Einerseits kann Stabilität Sicherheit versprechen, für Beständigkeit, soziales Wohlergehen, politische Ordnung oder auch Planbarkeit stehen, während Instabilität das Unwägbare, Krisenhafte, ja sogar das Bedrohliche und Gefahrvolle zu umfassen vermag. Andererseits kann Stabilität sich zu Stillstand, Stagnation und bloßer Routine verfestigen. Dann wird das Potenzial der Instabilität erkennbar, die unter dem Wagnis der Experimentalität für die Öffnung von Möglichkeitsräumen sorgt. Das heißt, Stabilität und Instabilität bilden keine starren Antagonismen. Vielmehr bedingen sie sich gegenseitig und stehen in ständiger Wechselwirkung zueinander. Die Bewertung von (In)Stabilitäten kann per se immer nur im Vergleich zu einem Anderen und damit in einem zeitlichen Verlauf gedacht werden.

Die Tagung der Isa Lohmann-Siems Stiftung will (In)Stabilitäten deshalb nicht als voneinander trennbare und als endgültig gedachte Zustände, sondern als produktive, prozesshafte und damit auch brisante Spannungsverhältnisse in den Blick nehmen und dichotome Denkfiguren aufbrechen. Sie fokussiert aus einer interdisziplinären Perspektive auf Praktiken und Strategien unterschiedlichster Akteur*innen, die diskursiv und performativ (In)Stabilitäten erzeugen. Fragen nach den jeweiligen Wahrnehmungsbedingungen sowie deren historischer Wandelbarkeit sollen dabei besondere Berücksichtigung finden.

Den Ausgangspunkt bilden drei Teilprojekte, die paradigmatisch Zugänge eröffnen: So macht die kulturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit narrativen und erzähltechnischen Aspekten rechtsextremer Verschwörungstheorien zugleich die Spezifik jener Praktiken deutlich, mit denen (In)Stabilitäten – reale oder auch nur imaginierte – politisch instrumentalisiert werden. Die Beschäftigung mit Formularen zur Verwaltung von Entschädigungsansprüchen im Kontext nationalsozialistischer Enteignungspolitik regt zur Reflexion über die Wirkmächtigkeit formaler Gestaltungsweisen bei der (Wieder)Herstellung von Ordnungen an. In beiden Teilprojekten spielen ästhetische Konventionen bei der Charakterisierung von (In)Stabilitäten eine wichtige Rolle. In der Kunst selbst ist es vor allem die Skulptur, die diese Deutungsmuster thematisch werden lässt. Skulpturen sensibilisieren dafür, dass Darstellungen von (In)Stabilitäten Wahrnehmungsformen einfordern, die nicht nur den Intellekt, sondern gerade auch verstärkt die körperliche Verfasstheit der Betrachter*innen einbeziehen.

Ausgehend von dieser Trias an Zugängen soll die Tagung ein breites Spektrum an Fragen und Perspektiven auf (In)Stabilitäten zusammenführen: Wie und wo lassen sich jene Kippmomente erfassen, die (In)Stabilitäten überhaupt erst sichtbar und erfahrbar werden lassen? Wie verändern sich die Aushandlung und die Artikulationsweise von (In)Stabilitäten in Abhängigkeit von unterschiedlichen künstlerischen Ausdrucksformen, und welche Relevanz besitzen hierbei ästhetische Traditionen? Welche Rolle spielen sie in ökonomischen Debatten, und wie blicken Medizin und Psychologie auf körperliche, psychische und metabolische (In)Stabilitäten? Was verbirgt sich hinter der Analyse der Herausbildung von Funktionalität im Nichtgleichgewicht, mit der sich Physiker*innen derzeit befassen? Und schließlich: Wie wirkt sich die aktuell weltweit von Covid-19 geprägte Situation auf das Verständnis und den sozialen, politischen oder auch wissenschaftlichen Umgang mit (In)Stabilitäten aus?

 

Termin der Tagung:

5. und 6. Februar 2021
Warburg-Haus
Heilwigstraße 116
20249 Hamburg

 

Teilprojekte:

Dr. Julia Kloss-Weber, Kunstgeschichte:
Ponderation. (In)Stabilität als mediales Grundmotiv von Skulptur und Plastik

Marie Rodewald, M.A, Volkskunde/Kulturanthropologie:
Verschwörungstheorien. Instrumentalisierung von suggerierten und realen Instabilitäten

Sina Sauer, M.A., Volkskunde/Kulturanthropologie:
Formatierte Entschädigung. Formulare als Stabilisatoren in der deutschen Nachkriegsverwaltung

 

Kontakt:

in-stabilitaet-ilss@web.de

Forschungsprojekt »(In)Stabilitäten«
der Isa Lohmann-Siems Stiftung 2020/21
c/o Kunstgeschichtliches Seminar
Universität Hamburg
Edmund-Siemers-Allee 1
20146 Hamburg

 

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